Mai 052011
 

Zum weisen Sokrates kam einer gelaufen und war voll Aufregung. „Höre, Sokrates“, rief er atemlos, „das muss ich dir unbedingt erzählen. Dein Freund …“

„Halt ein!“, unterbrach ihn der Weise gelassen. „Bevor du weitersprichst: Hast du das, was du mir erzählen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“

„Die drei Siebe?“, fragte der andere verwundert.

„Ja, guter Freund. Lass sehen, ob das, was du mir zu sagen hast, durch die drei Siebe hindurchgeht. Das erste ist das Sieb der Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, gewissenhaft daraufhin geprüft, ob es wahr ist?“

„Nein“, antwortete der Mann. „Ich habe es nur erzählen gehört …“

Bedächtig wiegte Sokrates das Haupt. „Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft, dem Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst – wenn schon nicht als wahr erwiesen -, so doch wenigstens gut?“

Verlegen antwortet der andere: „Nein, das nicht, im Gegenteil …“

„Hm“, unterbrach ihn der Weise, „so lass uns auch das dritte noch anwenden, das Sieb der Notwendigkeit, und lass uns fragen, ob es nötig ist, mir das zu erzählen, worüber du dich so ereiferst!“

„Naja, nötig ist es gerade nicht …“

„Nun“, sagte Sokrates und lächelte weise, „wenn das, was du mir erzählen willst, weder wahr, noch gut, noch notwendig ist, dann lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!“

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  2 Responses to “Die drei Siebe des Sokrates”

Comments (2)
  1. Sage nicht immer was du weißt – aber wisse immer was du sagst (aus meinem Poesiealbum)

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